Die Wandbilder
Die beiden Wandmalereien im Foyer sind als Fresko ausgeführt. Bei dieser Technik werden die Farbpigmente Abschnitt für Abschnitt in den frischen Putz eingearbeitet.
Die Fresken liegen einander gegenüber und schmücken die Wandflächen über den ursprünglich eingebauten Türen zu den jeweiligen Bürotrakten. Diese Art der Zierflächen über Türen, so genannte Sopraporten, fanden insbesondere in Schlössern und Residenzen der Renaissance und des Barock eine starke Verbreitung. Jene ursprünglich weitgehend dekorative Rolle der Sopraporten erfährt hier einen Funktionswandel: Der gesellschaftlichen Funktion des Hauses entsprechend, besitzen sie als raumbeherrschendes Element eine klare politische Botschaft. Ihre Aussage ist der Klassenkampf des Proletariats zur Abschaffung der kapitalistischen Verhältnisse hin zum Sieg des Sozialismus/Kommunismus durch die Aneignung der marxistisch-leninistischen Weltanschauung.
Beide Wandbilder, links (Nord) der „Kampf der Arbeiterklasse“, rechts (Süd) der „Sieg der Arbeiterklasse“, sind als Einheit zu betrachten, da sie sich thematisch aufeinander beziehen und kompositorische Übereinstimmungen aufweisen.[i] Das Kunstwerk ist ein für die 1960er Jahre typisches Epochenbild in so genannter Simultankomposition, deren zeitliche Abfolge von links nach rechts durch ihre kompositorische Verschränkung gelesen werden muss.
Das Wandbild ist ein authentisches Sachzeugnis dafür, wie in der ehemaligen DDR ein wichtiger Verwaltungssitz künstlerisch ausgestattet wurde, um die politische Legitimität der SED-Herrschaft zu präsentieren. Seine erzieherische Absicht ist die Beheimatung der Bevölkerung in der neuen sozialistischen Gesellschaftsordnung sowie das Aufzeigen des Weges dorthin. Als ein Musterbeispiel für sozialistisch-realistische Kunst ist die Bildsymbolik leicht ablesbar und sollte somit emotional als erkennbares Wertesystem wirken.
Die Ausführung
Ende 1968 erhielt Wolfram Schubert den Auftrag für die Gestaltung der beiden großen Wandflächen im Foyer des Verwaltungsgebäudes. Sein erster Entwurf entsprach nicht den Vorstellungen der Auftraggeber, die eine „tragende Rolle der Arbeiterklasse“[ii] verbildlicht sehen wollten. Schubert dagegen hatte eine dekorative Lösung entwickelt, die den Charakter des landwirtschaftlich geprägten Bezirkes mit einzelnen Motiven aus „Fischerei, Land- und Forstwirtschaft“[iii] symbolisierte. Ein intensiver innerer Prozess sowie die Auseinandersetzung mit den weltanschaulichen Theorien des Marxismus-Leninismus führten dann sowohl zu einer genehmigten künstlerischen Übersetzung der Vorgaben in einem dritten Entwurf sowie bei ihm selbst zur „Übereinstimmung von ‚innerem‘ und ‚äußerem‘ Auftrag“[iv].
Wolfram Schubert, „Kampf und Sieg der Arbeiterklasse“, Entwurfszeichungen (3. bestätigter Entwurf), Acryl auf Pappe, je 65 x 98 cm[v]
Mitte März 1969 begann der Künstler nach einem maßstabsgetreuen Entwurfskarton das linke Gemälde auszuführen. Die komplizierte Freskotechnik hat sich der Künstler nach alten Rezepten erarbeitet, denn sie war nicht mehr gebräuchlich. Schubert „… wollte sich aber unbedingt in der Tradition der Großen versuchen“.[vi] Die Technik löste anfangs Schwierigkeiten aus. Der ursprünglich feinkörnige Sand, den er in der Nähe von Küssow fand, sollte das benötigte, aber nicht zur Verfügung stehende Marmormehl für den Putz ersetzen. Gerhard Streuling, der Handwerker, ließ sich geduldig auf die Materialexperimente ein. Der Künstler dankte ihm mit der Aufnahme seiner Initialen in die Signatur.[vii] Der Name des Maurers „steht stellvertretend für viele, die an der Erarbeitung des Bildes mitwirkten.“[viii] Die Arbeiten erfolgten in Tagwerken von täglich etwa 1 qm². Durch gute Glättung und Bemalung ist die Verbindung der Tagwerksgrenzen kaum sichtbar.
Während der Arbeit am linken Fresko begutachtete eine Kommission in Vorbereitung auf die Ausstellung zum 20. Jahrestag der DDR „Architektur und bildende Kunst“ im Alten Museum in Berlin seine Arbeit. Sie war des Lobes voll, wünschte sich aber mehr Farbigkeit. Ausgestattet mit 100 DM Westgeld und einem Passierschein konnte der Künstler in Westberlin die fehlenden farbigen Pigmente erwerben.[ix] Während im Fresko „Kampf der Arbeiterklasse“ die farbigen Pigmente nur sparsam die bis dahin benutzten Erdpigmente ergänzten, war der Künstler nun in der Lage, das zweite Fresko „Sieg der Arbeiterklasse“ vollständig mit einer breiten und leuchtenden Farbpalette auszuführen.
Pünktlich einen Tag vor Übergabe des Gebäudes am 1. Mai 1969 konnte der Künstler beide Wandbilder fertigstellen. Die Fresken erregten große Aufmerksamkeit und trugen zum Bekanntwerden des Künstlers in der DDR bei. Für sie erhielt er 1969 den Fritz-Reuter-Preis, 1. Klasse, sowie 1970 den Kunstpreis der DDR.