Sportstadt bis 1989
Mit der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) am 7. Oktober 1949 entstanden zwei deutsche Staaten, die sich im Zuge des Kalten Krieges auch auf sportlicher Ebene gegenüberstanden. Sport gewann damit über die reine Bewegung hinaus eine politische Bedeutung.
In Neubrandenburg gründeten sich vor allem ab 1950 zahlreiche Betriebssportgemeinschaften (BSG). Nach dem Willen der DDR-Führung sollten sie dazu beitragen, die Arbeiterschaft zu stärken und zu einen sowie eine breite sportliche Basis zu schaffen, aus der später auch Leistungssportlerinnen und Leistungssportler hervorgehen konnten.
In dieser Zeit entstanden unter anderem die BSG Energie, Turbine, Einheit, Lok und Dynamo. Prägende Sportarten der Anfangsjahre waren zum Beispiel Fußball bei Energie, Handball und Geräteturnen bei Einheit, Boxen bei Lok, Leichtathletik bei Einheit und Lok, Segeln bei Lok und Dynamo sowie Kegeln bei Turbine und Lok.
Der Leistungssport stand dabei zunächst nicht von Anfang an im Mittelpunkt. In den ersten Nachkriegsjahren hatten andere gesellschaftliche und organisatorische Aufgaben Vorrang. Erst mit der weiteren Entwicklung des noch jungen Staates gewann der Leistungssport schrittweise an Bedeutung.
Nach den Aufbaujahren wurden Körperkultur und Sport in der DDR, insbesondere der Leistungssport, zunehmend als Teil der Auseinandersetzung mit dem Westen verstanden. Sportpolitik wurde damit ausdrücklich zu einem Bestandteil der Innen- und Außenpolitik. Internationale sportliche Erfolge sollten das Ansehen der DDR stärken und politische Anerkennung befördern. Daraus ergaben sich nicht nur der hohe Stellenwert des Leistungssports für die politische Führung, sondern auch der gezielte Aufbau besonderer Strukturen.
Ausdruck dieser Entwicklung waren unter anderem die Gründung der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig im Oktober 1950, die Einführung der Kinder- und Jugendsportschulen (KJS) ab dem Schuljahr 1952/53, die Bildung der Sportclubs ab 1954 – in Neubrandenburg ab 1962 –, die Gründung des Sportmedizinischen Dienstes im Jahr 1963 sowie die Kinder- und Jugendspartakiaden, die ab 1965 durchgeführt wurden. Die Kinder- und Jugendsportschulen bildeten langfristig einen Schwerpunkt in der Förderung sportlicher Begabungen im DDR-Sport.
Die dynamische Entwicklung des DDR-Leistungssports beruhte damit wesentlich auf einer zentral durch den Staat organisierten und vereinheitlichten Sportstruktur. Eine entscheidende Rolle spielte die planmäßige Sichtung, Auswahl und Förderung von Kindern und Jugendlichen über viele Jahre hinweg. Ziel war es, sportliche Talente frühzeitig zu erkennen, systematisch auszubilden und auf internationale Spitzenleistungen vorzubereiten.
Dafür mussten zunächst möglichst viele Kinder und Jugendliche für sportliche Betätigung gewonnen werden, um vorhandene Fähigkeiten und Talente frühzeitig zu erkennen. Über ein gestuftes Wettkampfsystem – etwa durch die seit 1965 auf Kreis-, Bezirks- und Republik-Ebene ausgetragenen Kinder- und Jugendspartakiaden – sowie durch gezielte Sichtung, Auswahl und anschließendes Probetraining wurden Talente herausgefiltert und, wenn möglich, in eine langfristige Verbindung von Schule und Leistungssport überführt. Gerade diese staatlich gelenkte, planmäßige und systematische Talentförderung unterschied den DDR-Sport deutlich von vielen anderen Ländern und bildete eine wesentliche Grundlage seiner internationalen Erfolge.
Die DDR organisierte ihre Verwaltungsstrukturen ab 1952 nicht mehr nach historischen Ländern, sondern nach Bezirken. Auf dem Gebiet des heutigen Mecklenburg-Vorpommern entstanden die Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg. In den Bezirksstädten konzentrierten sich zahlreiche staatliche Aufgaben, Einrichtungen und Fördermöglichkeiten. Das galt auch für den Sport: Neben Angeboten des Breitensports wurden hier Spitzensportlerinnen und Spitzensportler unter besonders professionellen Bedingungen ausgebildet.
In der Bezirksstadt Neubrandenburg, die bis zur Wende 1989 bereits rund 94.000 Einwohnerinnen und Einwohner zählte, entwickelte sich eine große sportliche Vielfalt. Dazu gehörten unter anderem der Motorsport mit dem Speedway, Mannschaftssportarten wie Fußball und Handball sowie Einzelsportarten wie Judo, Ringen, Schwimmen, Leichtathletik, Turnen, Gewichtheben, Boxen, Kanurennsport, Radsport, Tischtennis, Tauchsport und Segeln.
Den überregionalen Ruf einer erfolgreichen DDR-Sportstadt begründete Neubrandenburg jedoch vor allem durch die international erfolgreichen Athletinnen und Athleten des Sportclubs Neubrandenburg in den Sportarten Leichtathletik und Kanurennsport. Sie errangen für die DDR zahlreiche Medaillen bei Europa- und Weltmeisterschaften sowie bei Olympischen Spielen.
Zugleich gehört zur Geschichte des DDR-Sports auch seine kritische Einordnung. Die Erfolge des Systems standen in einem politischen Zusammenhang, in dem Sport nicht frei von staatlicher Einflussnahme war. Auswahl, Förderung und internationale Repräsentation dienten nicht allein dem Sport, sondern auch politischen Zielen. Diese enge Verbindung von Leistungssport, staatlicher Steuerung und politischer Instrumentalisierung ist ein wesentlicher Teil der Sportgeschichte – auch in Neubrandenburg.